Fachartikel

“10 Thesen zum Kulturbegriff – am praktischen Beispiel des online-Projekts KALEIDOSKOP – ALLTAG IN DEUTSCHLAND”   
(von Wolfgang Hieber)

buchcovererschienen in: Kulturwissenschaft(en) in der Diskussion, hrsg. von Jürgen Joachimsthaler, Eugen Kotte,  München 2008, S.137 – 159 (Verlag Martin Meidenbauer)

Am Anfang des online-Projekts “Kaleidoskop – Alltag in Deutschland” stand die ganz leibhaftige, körperlich-sinnliche Erfahrung des Eintauchens in geographisch recht weit von Europa entfernte Alltagspraktiken: Indien, China, Japan (1). Es handelt sich also um einen empirischen Ansatz, sich mit Alltagsleben zu beschäftigen – mit allen fünf Sinnen sozusagen. Tut man dies mit voller Intensität, so fühlt man sich schnell z.B. Bourdieus “Theorie der Praxis” nahe (2). Auch Alfred Schütz mit seiner Soziologie des Alltags – weitergeführt in der Forschungsrichtung der Ethnomethodologie (3). Aktuell finden sich viele Anregungen im praxeologischen Ansatz von Bruno Latour (4). All diesen Impulsen liegt der Gedanke zu Grunde, dass das Soziale, das Psychische, das Körperliche  sowie die Welt der Dinge sich letztlich nicht  separieren lassen und dass Kultur somit eine “mehrschichtige Ganzheit” ist –  wie ein lebendiger Organismus, der sich in einem permanenten Prozess der Veränderung befindet, oder ein großes Gewebe, wie es Clifford Geertz – in Anlehnung an Max Weber – ausdrückte, als er Kultur eine Art “selbstgesponnenes Bedeutungsgewebe” nannte (5).

Der Autor dieses Projekts ist, wenn man so will, “Kulturarbeiter”. Also einer, der zu den “Machern” gehört. Alle diese “Macher” kreieren gewissermaßen “Felder der Begegnung”. Das Webprojekt Kaleidoskop – Alltag in Deutschland möchte eine solche Begegnungsplattform sein (6). Es geht hier um  das ganz Normale, Selbstverständliche, Alltägliche. Aber was ist normal, alltäglich? Das ist, bezogen auf Deutschland, doch recht unterschiedlich – schon für Menschen innerhalb Deutschlands, erst recht aus der Sicht der anderen europäischen oder außereuropäischen Länder.

Zu den 10 Thesen 

Sie richten sich an Lehrende und Lernende im Rahmen der sog. Landeskunde. Die Fragen sind: Was soll Landeskunde vermitteln? Welches Verständnis von “Kultur” liegt ihr zugrunde? Welches “Deutschlandbild”? Die Thesen sollen kurz skizzieren, in welche Richtung sich Kaleidoskop - was den Kulturbegriff betrifft – positioniert. Die beigefügten Anmerkungen erläutern jede These zuerst mit möglichst allgemein verständlichen Erläuterungen (eher gerichtet an “Unterrichtspraktiker” und “User”), gefolgt von kulturwissenschaftlichen Anmerkungen und einem pointierten “Aufruf” (als richtunggebendes Signal).

These 1

Die Lebensform jeder einzelnen Person erhält ihre Prägung durch eine Vielfalt von geographischen Zugehörigkeiten. Weil diese Zugehörigkeiten grenzüberschreitend sind, ist Kultur nichts Festes oder klar Abgrenzbares.

“Wo ist Ihre Heimat?” Diese Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten. Zum Beispiel: Der Vater kommt aus Hamburg, die Mutter aus Italien. Oder Menschen wechseln ihren Wohnort innerhalb Deutschlands, sie ziehen von Berlin nach Frankfurt. Oder ins Ausland. Und schon haben sie zwei oder noch mehr “Heimaten”. Oder Migrantenkinder werden in Deutschland geboren, wachsen hier auf und sind “Deutsche”. s. Die geographische Zwiebel

Der Ruf nach kultureller Homogenität und “Reinheit” entlarvt sich als unerfüllbar und wirklichkeitsfremd. Er schafft ein Konstrukt, das leider immer wieder propagiert und zu politischen Zwecken instrumentalisiert wird. In einem Bild: der Zugehörigkeiten-Mix schichtet sich auf  wie die Schalen einer Zwiebel (Straße, Stadtteil, Stadt, Region, Bundesland, Nation, Sprachgemeinschaft, Kontinent etc.) (7). Zugehörigkeiten verändern sich und überlagern sich.

Beachtet den Plural der geographischen und regionalen Zugehörigkeiten! Baut keine Grenzen auf, wo keine sind! Bekennt euch zu vielen Heimaten!

These 2

Jedes Individuum definiert sich durch gesellschaftliche Zugehörigkeiten. Manche sind vorgegeben (z.B. Generation), andere frei gewählt (z.B. Beruf, Freizeitgruppe). Ihre Zusammensetzung ist sehr vielfältig und variabel.

Im Alltag stellen wir anderen gern viele Fragen. Wir möchten wissen, wo Menschen hingehören, wo sie ihre “Heimaten” haben. Sie sind in einem Elternhaus aufgewachsen, haben eine Schule (Lehre, Berufsausbildung) absolviert, sie fühlen sich einer Berufsgruppe zugehörig, einer Religion, einer bestimmten Altersgruppe (Generation) usw. All diese Zugehörigkeiten schichten sich zu einem Berg auf, der unsere Position in der Gesellschaft, bzw. unser “kulturelles Profil” ausmacht (8).  s. Der Fragenberg

Das “kulturelle Profil” eines Menschen ist immer eine bestimmte Kombination aus verschiedensten Zugehörigkeiten. Auch hier also der Plural. Der Ruf nach Grenzen, Abgrenzungen, Einordnungen ist zwar immer da, aber bei genauerem Hinsehen verschwimmen die Grenzen, überlagern sich und sind sehr fluide. Sie bilden sich, ändern sich und lösen sich wieder auf. Besser ist es also, “…. wir folgen den Wegen der Akteure und beginnen unsere Reise mit den Spuren, die ihre Aktivität der Gruppenbildung und – auflösung hinterläßt” (9).

Lassen wir die Akteure selbst sprechen! Folgen wir dem Mix ihrer Zugehörigkeiten! Vermeiden wir voreilige und falsche Vereinfachungen und Kategorisierungen!

These 3 

Wir alle sind “kulturelle Mischwesen”. Eine Änderung in den Lebensumständen führt zwangsläufig auch immer zu einer Veränderung des jeweiligen kulturellen Profils (“mehrschichtige Ganzheit”).

Millionen von Menschen wechseln die Länder, das Internet kennt keine Landesgrenzen mehr und die Wirtschaft lebt vom Austausch mit anderen Ländern. Läßt sich überhaupt noch genau sagen, was “deutsch” ist (10)? Der VW Golf, dessen Teile aus 22 Ländern bezogen werden? Der Volksstamm der Bayern, der aus der Vermischung unzähliger anderer Volksstämme entstanden ist? Wie können wir von “den” Deutschen sprechen, wenn jeder Mensch seine ihm ganz eigene Zugehörigkeiten-Kombination, sein ihm eigenes kulturelles Profil hat?

Das Bild der Wurzel (die Wurzelmetapher) hält sich hartnäckig. Losungen wie “Zurück zu den Wurzeln!” oder der Begriff “Leitkultur” beruhen auf dieser Vorstellung (Homogenität der Kultur). Kultur, so denkt man, sei wie ein Baum, der alle seine Kraft zentral aus der Wurzel holt.

In den letzten Jahrzehnten sind für Kultur eher andere Bilder wichtig geworden (11). Sie betonen die Vernetzung und Vielfalt (Diversität, Pluralität): Kultur ist vielschichtig wie ein Palimpsest, sie lebt und wächst wie ein Rhizom (z.B. der Ingwer), sie ist vergleichbar mit den vielen Fäden eines Gewebes oder mit den vielen Stimmen in einer Fuge von Bach (12).

Versteht Pluralität als Reichtum! Seht mehr den einzelnen Menschen als Nationalitäten! Erkennt, dass wir alle kulturelle Mischwesen sind!

These 4

Kultur ist prozesshaft-dynamisch. Sie ist kein monolithischer Block, keine fixierbare “Nationalkultur”. Der Begriff “kulturelle Identität” ist daher ein äußerst fragwürdiges Konstrukt.

Von “Identität” wird viel gesprochen und geschrieben. Politiker verwenden das Wort gern: Haben die Ostdeutschen auf Grund der Teilung Deutschlands nach 1945 eine “eigene Identität”? Wie kann jede Region Europas ihre “Identität” in der Europäischen Union bewahren? Was ist mit diesem Wort gemeint?

Das Wort Identität suggeriert Unveränderlichkeit und Status quo. Aber weder das Personen-Ich, noch die Nation, noch der “Kulturkreis” sind feste Größen oder gar einschichtig. Sie sind in sich jeweils eine Vielheit, ohne klar markierbare Grenzen, und in ständiger Veränderung und Verbindung mit anderem (13). Aber die Diskussion hält an. Bildhaft gesprochen: Ist Identität eine Festung, eine Puppe in der Puppe, ein Fluss oder gar eine Fata Morgana? (14)

Seid vorsichtig mit dem Begriff Identität! Engt euch selbst und andere nicht zwischen festen Mauern ein! Seht den lebendigen Einflüssen!

These 5

Kultur lebt von “Feldern der Begegnung”. Authentische Materialien (Orte, Personen, Meinungen, Welt der Dinge, Diskurse etc.) sollen ein Angebot zu Aneignung, Dialog und Austausch sein. Wichtige Orte dieser Begegnung sind z.B. auch Foren im Internet.

Im Lauf der Jahre hat sich Kaleidoskop zu einem länderübergreifenden Portal für den Austausch von Alltagserfahrungen entwickelt. Besonders Jugendliche (z.B. Schulklassen) beteiligen sich. In bisher über 10 000 Forumsbeiträgen geht es um Alltag in Deutschland, aber genauso um “Alltag in meinem Land” (europäisch und außereuropäisch). s. International

Kultur ist ein Prozess und ständiger Austausch. Wir geben Anregungen und wir holen uns Anregungen. Über alle Länder- und sog. Kulturkreis-Grenzen hinweg. Kaleidoskop möchte in diesem Sinn ein “Feld der Begegnung” sein. Die Menschen vor Ort (sei es in Deutschland oder außerhalb) können authentischer von ihrem Alltag berichten  als die eigentlichen Akteure. Und das Web (noch mehr das Web 2.0 und die Social Software) bietet das Kommunikationspotenzial. Kaleidoskop lebt und wächst also durch die Zu- und Mitarbeit vieler.

Macht mit beim Austausch von Alltagserfahrungen! Schreibt eure Berichte im Forum! Berichtet von eurem Alltag! 

These 6

Elementare Themen vermitteln die sog. “Selbstverständlichkeiten” des Alltags. Was aber für die einen Normalität, ist für andere das Ungewohnte. Dies gilt es, als Einheit von Sozialem, Psychischem, Körperlichem und Dingwelt erfahrbar zu machen.

Die Türklingel am Hauseingang, der Frühstückstisch, das Verkehrs- oder Hinweisschild, der Supermarkt, das Graffiti an der Hauswand usw. sind gewissermaßen “Tat”-Orte. Hier passiert etwas. Zum Bereich der elementaren Themen gehören auch Themen, die Orientierungswissen in einer nicht-bekannten Umgebung vermitteln: Müllcontainer, Autokennzeichen, der Gang zum Arzt usw. s. Blitzlichter

Mit Dingen, Objekten, Geräten etc. (“nicht-menschliche Wesen”) stehen wir in engem Austausch. Sie sind Beteiligte an der Handlung. Bruno Latour verweist auf die Vielfalt der Objekte und fordert, sie als Akteure stärker mit zu berücksichtigen (15).

Seht euch Orte des Alltags genau an! Auch Objekte und  Dinge sind Akteure! Folgt ihren Spuren!

These 7

Irritationen sind ein wichtiges Signal dafür, dass uns etwas auffällt, wundert, ärgert usw. Bei kontrastierender Gegenüberstellung können Irritationen die Genese von Urteilen, Meinungen und Stereotypen bewusst machen.

Deutschland-Besucher schildern ihre ersten Irritationen: nach der Ankunft, auf der Straße, beim Kontakt mit Menschen, beim Essen, in der Familie usw. Worüber haben Sie sich gewundert? Was hat sie irritiert? Im Forum werden alle diese Berichte gesammelt und fließen wieder zurück zu den einzelnen Themen. s. Eindrücke

Irritationen sind interessante Signale. Sie brechen festgefahrene Wahrnehmungsmuster auf. Unsere Aufmerksamkeit fällt dann auf etwas Unbekanntes und Unerwartetes und wir kategorisieren es als “fremd”, “seltsam”, “störend” oder “erstaunlich”. Weil erste Eindrücke, je nach Beobachterperson, sehr unterschiedlich und widersprüchlich ausfallen, wächst das Interesse an den Beobachtenden selbst. Ihr Ausgangspunkt ist das für sie “Normale”, das, was sie kennen und für “richtig” halten.

Merkt euch, was euch in einem anderen Land am ersten Tag aufgefallen ist! Geht den Ursachen dieser Irritationen auf den Grund! Entdeckt, wie Klischees entstehen!

These 8

Alltagstelegramme – wie z.B. Tagesabläufe, Lebensläufe, “Tat”-Ort-Fotos, Kurzinterviews usw. – protokollieren, was im Alltagsleben abläuft. Je genauer die einzelnen Schritte angegeben sind, umso wirkungskräftiger wird das Materialangebot für den Prozess der Aneignung.

Wie läuft ein Fest ab? Wie ein Ritual? Was tue ich Tag für Tag, von morgens bis abends? Mit welchen Dingen habe ich in meiner Wohnung oder am Arbeitsplatz zu tun? Es geht um die ganz alltäglichen Vorgänge und Tätigkeiten, die wir bewusst meist gar nicht mehr wahrnehmen. s. Feste und Rituale

Alltäglich-Selbstverständliches genauestens beschreiben, ja in den einzelnen Schritten und Abläufen penibel protokollieren, liefert den Stoff, durch den wir uns in Menschen mit ihren Tätigkeiten und Absichten hineinfühlen. Die Welt der Dinge und Gefühle inclusive. “Beschreiben, aufmerksam für den konkreten Sachverhalt sein”, schreibt Bruno Latour, “den einzigartigen adäquaten Bericht einer gegebenen Situation finden, das erschien mir stets als äußerst anspruchsvoll” (16).

Folgt den einzelnen Schritten und Abläufen! Seht euch genauestens an, was sich im Alltagsleben tagtäglich wiederholt!

These 9

Die Präsentation einer Vielfalt von Meinungen und Perspektiven zum gleichen Thema verhindert voreilige Generalisierungen. Bei der Themenauswahl rücken globale Themen in den Vordergrund. Sie betonen nicht die sog. “Kulturunterschiede”, sondern verbindende Gemeinsamkeiten.

Der Themenblock “Meinungen” ist eine lebendige Plattform für den Austausch. Zu jedem Thema werden Meinungen in ihrer ganzen widersprüchlichen Breite präsentiert. Nur so wird deutlich: Es gibt nicht “die” Meinung “der” Deutschen zu einem Thema. Es gibt viele Meinungen, schon innerhalb Deutschlands. Über die Forumsbeiträge kommen Meinungen aus aller Welt hinzu. Auf diese Weise entsteht ein grenzübergreifendes Kaleidoskop der Meinungen. s. Meinungen

Landeskunde betonte früher gern die Grenzen und das Unterscheidende. Hier das “Eigene”, dort das “Fremde”. Diese Grenzen haben, genauer besehen, selten Bestand. Es gibt viel “Fremdes” im sog. “Eigenen” und viel “Eigenes” im sog. “Fremden”. Und alles ist in ständiger Bewegung und Veränderung. “Zeigen Sie mir einen Standpunkt”, so Bruno Latour, “und ich werde Ihnen zwei Dutzend Wege zeigen, um ihn zu verändern” (17).

Hört euch die Meinungen der anderen an! Bleibt beweglich und offen! Findet Wege, um miteinander auszukommen! Entdeckt das Verbindende!

These 10

Im Zeitalter einer immer enger zusammenwachsenden Welt nimmt das Gewicht globaler Aneignungstechniken zu. Ihr Aktionsfeld ist ein Themenvorrat, der – in permanenter Veränderung – aus globaler Vernetzung entsteht. “Landeskunde” hat so mit “Erkundung” zu tun: selbst auf Entdeckungsreise gehen und “die operative Kunst des Aneignens” praktizieren.

Kaleidoskop lädt unter “Durch Stadt und Land” zu einer Online-Reise durch über 80 Städte Deutschlands ein. Die User gehen auf virtuelle Reisen. Ebenso wird bei den anderen über 100 Themen die ganze, ständig wachsende Palette der landeskundlich interessanten Angebote im Web durch ausgesuchte Links mit einbezogen. Wer möchte, kann seinen Erkundungsradius nahezu unbegrenzt ausweiten. s. Durch Stadt und Land

Assoziationen, Verknüpfungen, Netzwerke ergänzen so die linearen Vorgehensweisen. Es sind für die Landeskunde neue, medienadäquate Aneignungstechniken: selbst erkundend, assoziativ, vernetzt. Das scheinbar unkontrollierte Hin- und Herspringen wird oft von der Pädagogik alter Schule als unproduktiv und verwirrend abgewertet. Aber selbstentdeckendes Lernen hat seine Berechtigung, denn auch unser Gehirn arbeitet nicht linear, sondern assoziativ-verknüpfend.

Geht auf Entdeckungsreise! Folgt neuen und unbekannten Wegen! Erkundet Deutschland! 

Neue Arbeitsfelder für die Kulturwissenschaften 

Abschließend zwei Gedanken zu möglichen neuen Arbeitsfeldern der Kulturwissenschaften. Sie  kommen aus der Sicht des Praktikers, des “Kulturarbeiters”.

Zum einen: Warum sollten die Kulturwissenschaften, weil Kultur ja etwas Prozesshaft-Dynamisches ist und nie wirklich fixierbar, sich nicht aktiv an der Errichtung von “Feldern der Begegnung” beteiligen? An der Entwicklung von Websites als “Plattformen der Begegnung”? Und warum sollten sie nicht ihrerseits diese Plattformen genau unter die Lupe nehmen, um zu sehen, wie hier der Prozess der kulturellen Produktion abläuft (z.B. Foren, Blogs, Videos etc.)? Es geht dabei um  Techniken für die “operative Kunst der Aneignung” und um Strategien des entdeckenden Lernens (18).

Zum anderen: Wenn sich ein großes Arbeitsfeld für die Kulturwissenschaften abzeichnet, dann ist es wohl die Arbeit am Miteinander-Auskommen aller im Kulturprozess Beteiligten. Es geht um die Beseitigung von Störfeldern und Reibungspunkten. Um Hilfen für das Miteinander. Fast könnte man – alltagssprachlich ausgedrückt – sagen: um die Qualitäten guter “Kultur-Mediziner”. Gerade diese neue Aufgabe wird – im Zeitalter der globalen Vernetzung – sicher an Bedeutung gewinnen.

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Anmerkungen

1) Das online-Projekt “KALEIDOSKOP – ALLTAG IN DEUTSCHLAND” (www.kaleidos.de) Interviews, Fotos, O-Ton, video, Texte, interaktive Übungen etc. reihen sich  kaleidoskopartig  zu Schlaglichtern aus dem Alltagsleben. Die Website hat derzeit einen Umfang von 9 Themenblöcken mit insgesamt 105 Themen. Adressaten sind Deutschlehrende und -lernende im In- und Ausland, aber auch Muttersprachler in Deutschland, d.h. alle, die an einem Kultur-Dialog oder an aktiver Kulturvermittlung interessiert sind. Gerade in einer Zeit des europäischen und weltweiten Zusammenwachsens möchte Kaleidoskop ein Portal der Verständigung und des Miteinanders sein.

2)  Pierre Bourdieu, La distinction. Critique sociale du jugement. Paris 1979 (dt.: Die feinen Unterschiede: Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt a.M., 2.Aufl. 1988)

3) Alfred Schütz/Thomas Luckmann, Strukturen der Lebenswelt, Frankfurt a.M. 1979

4) Bruno Latour, Reassembling the Social. An Introduction to Actor-Network-Theory, Oxford 2005 (zitiert nach der deutschen Ausgabe: Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft – Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie, Frankfurt a.M. 2007)

5) Clifford Geertz, Dichte Beschreibung – Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme, 2.Aufl. Frankfurt a.M., 1991, S.9: “Ich meine mit Max Weber, daß der Mensch ein Wesen ist, das in selbstgesponnene Bedeutungsgewebe verstrickt ist, wobei ich Kultur als dieses Gewebe ansehe”

6) Der Autor (Wolfgang Hieber) konnte in diesem Projekt seine Erfahrungen als Journalist (Rundfunk, BR; Buchautor von Büchern über den Alltag in China und den Alltag in Indien), als Kulturwissenschaftler (interkulturelle Kommunikation, 9 Jahre Universitätslektor in Indien, China und Japan) sowie als Pädagoge und Didaktiker (Unterrichtstätigkeit “Deutsche Sprache und Kultur”, Lehrbuchautor) verbinden.

7) Vgl. “Die Zwiebel” 

8) Vgl. Der “Fragenberg

9) Bruno Latour, Soziologie (wie Anm.4), S. 53

10) Vgl. Deutsch – was ist das?

11) Anil Bhatti, Aspekte gesellschaftlicher Diversität und Homogenisierung im postkolonialen Kontext. Anmerkungen aus Indien. In: “Postkoloniale” Konflikte im europäischen Kontext, Hrsg. von Wolfgang Müller-Funk/ Birgit Wagner (Hg.), Wien, 2005 (=Reihe Kulturwissenschaften Bd. 8.4), S. 15: “Die Verteidigung der Heterogenität bedeutet, dass wir letztendlich die trennenden Merkmale der Homogenisierung (Rasse, Ethnie, Sprache) nicht als zwingende substantielle Unterscheidungsmerkmale für jene gesellschaftliche Organisationsform, die wir Nation nennen, betrachten.”

12) Vgl. http://www.kaleidos.de/alltag/meinung/heim07.htm

13) Vgl. hierzu Amartya Sen:  Die Identitätsfalle. Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt. C.H. Beck: München 2007

14) Vgl. http://www.kaleidos.de/alltag/meinung/heim04.htm

15) Bruno Latour, Soziologie (wie Anm.4), S. 127 (über Objekte): “Selbstverständlich gibt es sie, doch man verschwendet keinen Gedanken an sie, keinen sozialen Gedanken… Als hinge ein Fluch über den Dingen, verbleiben diese schlafend wie die Dienerschaft eines verwunschenen Schlosses”; Vgl. auch Bruno Latour:  Das Parlament der Dinge. Für eine politische Ökologie. Frankfurt a.M. 2001

16) Bruno Latour, Soziologie (wie Anm.4), S. 249; oder Latour, Soziologie (wie Anm.4), S. 239: “Ein guter Text sollte in einem guten Leser folgende Reaktion auslösen: ‘Mehr Details, bitte, mehr Details.’ … nicht um Reduktion geht es, sondern um Irreduktion. Wie Gabriel Tarde nie müde wurde zu wiederholen: ‘Existieren heißt differieren’.”

17) Bruno Latour, Soziologie (wie Anm.4), S.251;  Latour, Parlament (wie Anm.4), S. 360: “Wie viele umlaufende Klischees müssen wir absorbiert haben, bevor wir die Kompetenz besitzen, eine Meinung über einen Film, einen Gefährten, eine Situation, eine politische Einstellung zu äußern?”

18) Bhatti, Aspekte (wie Anm.11), S.13: “… multilinguale und plurikulturelle Formationen, die noch dazu stark vernetzt sind, entwickeln eher eine operative Kunst des Aneignens anstatt einer Hermeneutik des Verstehens. In solchen Gesellschaften geht es dann gewissermaßen eher darum, mit einander auszukommen als einander zu verstehen”