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Ein Ossi und ein Wessi
Bericht von Holger E., 47, Berlin

"Meine Heimat ... wenn ich den Begriff höre, muss ich daran denken, dass ich mit 10 Jahren ein Gedicht mit eben diesem Titel bei einer Schulfeier aufsagen musste. Die ganze Turnhalle war voll mit Menschen, die mich erwartungsvoll anstarrten, und ich habe zum ersten Mal im Leben gespürt, was Lampenfieber bedeutet. Ich begann dreimal: "Meine Heimat ... Meine Heimat ... Meine Heimat ... " Dann wusste ich nicht weiter. Ich wollte in den Boden versinken.

Auch später habe ich nie gewusst, was das ist: Heimat. Ich bin nämlich ein westlicher Ossi oder ein östlicher Wessi. Meine Eltern stammten aus Thüringen. In der Zeit der DDR gab es dieses Bundesland nicht, aber jeder kannte es. Mein Vater, ein einfacher Arbeiter, ist "rübergemacht", so nannte man das unter Freunden. Offiziell nannte man das Republikflucht. Wie das kam? In seiner sozialistischen Fabrik funktionierte wieder mal nichts. Er hatte den Chef angeschrien, dass man 'die da oben' alle in die Fabrik einsperren sollte, die Tür zuschließen und die Fabrik anbrennen sollte. So zornig war er.

In derselben Nacht kam heimlich ein Freund, der am Gericht arbeitete und gab ihm das fertige Urteil in die Hand: Zwei Jahre Gefängnis wegen Anstiftung zum Mord. Gut, wenn man solche Freunde hat. Drei Stunden später verschwand mein Vater im Zug nach Westberlin und ließ seine junge Frau mit 5 Kindern allein zurück. Man ließ uns später auch in den Westen ziehen.

Nun begann eine kleine Odyssee durch verschiedene Flüchtlingslager. Meine Oma sah ich nie wieder. Heimat? Über meinen Dialekt lachten die anderen Kinder im Westen. Wir lebten an verschiedenen Orten, wo es Arbeit gab. Was waren schon Flüchtlingskinder gegen die Kinder vom Apotheker, Pfarrer oder Lehrer? Wir trugen Zeitungen aus, arbeiteten auf den Feldern.

"Und so trage ich noch heute meine Zeitungen aus, das sind meine kleinen Botschaften, und ich arbeite stets auf verschiedenen Feldern. Auf der Suche nach einer Heimat habe ich viel von der Welt gesehen, war wohl in über 100 Ländern. "

Flucht von Ost nach West
"Das, was meine Heimat war, habe ich nie mehr gefunden. Ich vermisse sie auch nicht sehr. Für mich ist meine Heimat das Mosaik von Landschaften, Menschen, Tieren, Pflanzen, Musik, Sprachen, Gerüchen und Gewürzen auf der ganzen Welt."

Was für mich "Heimat" bedeutet

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© Wolfgang Hieber 1998-2009