Wo ist für Sie Heimat?
"Für mich ist das mit recht gemischten Gefühlen verbunden.
Ich bin Jüdin, und das heißt: man hat überall und nirgendwo
Heimat. Es bleibt einem nichts anderes übrig. Man ist ja überall
Außenseiter - auch da, wo man geboren ist."
Sie sind in England geboren und aufgewachsen. Juden können und konnten sich
doch in England als Engländer fühlen?
"Ja, theoretisch schon. Aber die Realität zeigt, daß es in
Krisenzeiten, dann doch nicht so ist. Als während des Zweiten Weltkriegs Juden,
die in England viele Generationen oder gar Jahrhunderte gelebt haben, jüdische
Emigranten aufnehmen sollten, hatten sie Angst, das zu tun, weil sie befürchteten,
ein Anstieg des jüdischen Bevölkerungsanteils könnte bei den Engländern
erneut antijüdische Gefühle auslösen."
1933-1937 emigrierten 140.000 europäische Juden.
Quelle: Ginzel, G.B.: Jüdischer Alltag in Deutschland 1933-45, Düsseldorf 1993
1933-1945 wurden zwischen 5.596.000 und 5.860.000 europäische Juden ermordet.
Quelle: Jäckel/ Longerich/ Schoeps: Enzyklopädie des Holocaust, München 1995 |
Wie verbunden fühlen Sie sich England?
"Sehr. Sprachlich zum Beispiel. Mir liegt auch der englische
Humor. Und dazu die ganzen Erfahrungen meiner Kindheit. Es geht ja sehr
tief. Aber ich war dort auch in gewisser Weise fremd, weil meine Eltern Emigranten waren.
Und Juden. Sodaß ich das Gefühl, anders zu sein, immer und überall
mit mir herumtrage. Das ist nicht neu gewesen, als ich dann in Deutschland
war. Vielleicht etwas krasser natürlich."
Und Deutschland?
"Das ist für mich ein sehr komplexes Verhältnis. Wegen der Geschichte, der
Nazi-Zeit. Da bin ich ja mein Leben lang am Knabbern. Ich fühle mich bis zu einem
bestimmten Punkt hier zu Hause. Aber es darf nichts schiefgehen, sonst kommen die ganzen
Emotionen hoch. Und ich frage mich: Wieso bist du hier?
Wieso bist du nicht in England geblieben? Es ist alles irgendwo unter der Oberfläche.
Ich weiß, daß es den deutschen Juden nicht hilft, wenn sie sagen: Wir sind
Deutsche und von Religion Juden. Man läßt sie schnell wieder fühlen,
daß sie eigentlich nicht zu den Deutschen gehören."
Also lebt es sich für Sie wesentlich unkomplizierter in England?
"Ja. In England, wenn ich dorthin fahre und den Mund aufmache, dann
kommt keiner drauf, daß ich in Deutschland lebe. Da gehörst
du sofort dazu. Und hier mache ich den Mund einmal auf, und durch den englischen
Akzent kommt keiner auf die Idee, daß du die Hälfte deines Lebens
hier lebst. Du bist dann immer Ausländer. Jeder, der meint, er sei
voll integriert, der möchte es gern sein. Aber daß das klappt,
bezweifle ich."
Ist das ein Nachteil oder auch ein Vorteil?
"Beides. Man bekommt das Gefühl, nirgends dazuzugehören.
Was einem aber auch immer einen Vorteil gibt: man bleibt immer ein bißchen
auf Distanz und sieht die Sachen eventuell klarer. Du kannst nicht
von diesem absolut kopflosen Bauch-Heimat-Gefühl ausgehen, ohne daß
da nicht irgendwie eine kritische Stimme dazukommt."
Wie sehen Sie die Diskussion um die doppelte Staatsbürgerschaft?
"Ich habe schon gedacht: Jetzt endlich! Jetzt kann ich nach so vielen
Jahren endlich zwei Pässe haben, den englischen und den deutschen.
Was eigentlich dem entspricht, was für mich wichtig wäre. Weil
ich mit einem Fuß in beiden Ländern lebe. Das, was jetzt in
Deutschland wieder hochgekommen ist an Gefühlen und Polarisierung - das
ist schon sehr enttäuschend. Und ich muß lachen, wie da je ein
gemeinsames Europa entstehen soll. Weil ich sehe, daß die Deutschen
nach wie vor eine riesige Angst haben vor allem, was anders ist."
Wie ist das mit dem Nationalstolz? In England oder Frankreich scheint er kein Problem.
Aber in Deutschland?
"Ja, in England feiert man ungehemmt diese nationalen Gefühle.
Den Krieg gewonnen zu haben. Im Altersheim, wo mein Vater ist, wird an
diesen Tagen alles mit dem Union Jack, der Nationalflagge, dekoriert. Absolut
unverständlich, wie sie sich da reinsteigern, mit all den blöden
alten Filmen. Wehe, man würde etwas dagegen sagen, gegen das Getue
mit Krieg, Nationalismus und dem Fahnen-Raushängen. In Deutschland
ginge so ein Nationalstolz gar nicht. "Ich bin stolz, ein Deutscher zu
sein" - das gilt hier schon fast als rechts-extremistischer Spruch. Aber ein
Engländer würde nicht zweimal überlegen und sagen: "Ich bin stolz,
Engländer zu sein. Die dürfen das."
Deshalb sagen manche Deutsche, ihre Nationalität bedeute ihnen überhaupt nichts...
"Ich denke, sie tun meist nur so. Aber in ihnen drin sieht es vielleicht anders aus." |