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Kanak Sprak

Feridun Zaimoglu hat ein Buch geschrieben. Es heißt: "Kanak Sprak". Es basiert auf Interviews, die er mit 24 Männern geführt hat. Zuhälter, Arbeitslose, Lehrlinge, ein Dichter, ein Müllmann, zwei Rapper. Türken, die in Deutschland leben. Denen, kaum einer älter als 30, bedeutet "Kanake", etwas über sich selbst herauszufinden.

Ein Haus im Zentrum von Kiel, erste Stock: Das Zimmer ist vollgestopft mit großformatigen Bildern, mit Büchern und mit Kleidung. Auf dem Tisch liegt "Ganz unten" von Günther Wallraff. An der Wand hängt ein Plakat der türkisch-deutschen Rap-Gruppe "Cartel". Es gibt hier fast ein Dutzende Aschenbecher. Zaimoglu, in Jeans, Turnschuhen und Kapuzenjacke mit dem Schriftzug "Kanak Attak" darauf, zündet sich wieder eine Lucky Strike an. Im Alter von fünf Jahren ist er nach Deutschland gekommen. Er ist hier zur Schule gegangen, hat Medizin und Kunst studiert und lebt seit einigen Jahren in Kiel. Seitdem sein Buch auf dem Markt ist, kommen täglich Leute. "Das nimmt die Ausmaße eines Lauffeuers an. Die mündliche Überlieferung hat ja Tradition bei uns."

Die Band Cartel
Die türkisch-deutsche Rap-Gruppe fühlt sich zwischen den Stühlen der verschiedenen Kulturen.
Die Band Cartel

Mit der traditionalistischen Kultur aber kann Zaimoglu nichts anfangen und auch nicht der Kanake, sagt Zaimoglu, der Kanake. Er will zeigen, daß der Kanake existiert, jenseits von pittoresker Folklore, aber mit einer durchaus eigenständigen Kultur, in der sich Welten vermischt haben.

Zaimoglu zeigt zum Beweis die Worte vor. "Kanake" ist ein böses Wort. Kommt aus dem Polynesischen, bedeutet dort "Mensch". Findet abwertend insbesondere auf Türken Anwendung, steht im Duden. Wobei es darauf ankommt, wer's sagt. So wie bei einem anderen bösen Wort: Nigger. Böse, wenn's ein Weißer sagt, wie wir vom Simpson-Prozeß erinnern. Aber kein schwarzer Rap-Star kommt ohne das N-Wort aus, das sagt: Wir sind unten, aber wir sind jemand.

So sei es, behauptet Zaimoglu, auch hierzulande. Die Gastarbeiterkinder der sogenannten zweiten und dritten Generation, vorwiegend in Deutschland aufgewachsen, tragen "Kanake" als Namen mit stolzem Trotz. Sie sprechen eine Art Rotwelsch, zusammengesetzt aus Türkisch, Deutsch, etwas Englisch und aus Osmanisch, dem höflichen Türkisch, längst eine tote Sprache....

Die Stellungsnahmen der 24, obgleich von Autor "nachgedichtet", wirken authentisch. Die "Kanak Sprak" ist prall, fleischig, sie swingt, sie wackelt mit dem Hintern. Könnte man Worte essen, diese würden dick machen. Sie ist rüde, wirft sich in Pose, wie Rap-Musik: Stolz und Härte.

Die Texte sagen vor allem einiges über das Land, in dem die Kanaken leben. Die am Rand beweisen eine feine Beobachtungsgabe für das Ganze. Einer etwa spricht ironisch von der Gefahr, sich hierzulande mit einer "Grübelmikrobe" zu infizieren. Eine selten pointierte Feststellung zum deutschen Wesen. "Wir leben in Deutschland", sagt Zaimoglu, "und es ist ein Kampf. Den muß man zusammen ausstehen." Darum habe er auf deutsch geschrieben: "Ich bin kein Separatist."

(Lübecker Nachrichten)

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