Mit Gedanken immer im Geschäft
"Man kann oft überhaupt nicht abschalten,
kann's nicht per Knopfdruck abschütteln zu Hause. Mit den Gedanken
bin ich immer noch im Geschäft. Nach Büroschluß wird das
Telefon durchgeschaltet in meine Wohnung, ich muß nachts immer erreichbar
sein, z.B. wenn ein Fahrer eine Panne hat. Er fragt, was er machen soll.
Dann rufe ich morgens die Werkstatt an, die um sieben anfängt, leite
also alles schon vor Bürobeginn in die Wege. Im Winterhalbjahr ists
schlimmer (Glatteis, Schnee, Unfälle). Ab sieben muß ich von
zu Hause den Kunden schon informieren, wann die Ladung kommt; auch die
Firmen melden sich schon ab sieben, geben Aufträge, wollen Informationen.
Das Telefon wird erst um 8 Uhr aufs Büro umgeschaltet. Man kann oft
überhaupt nicht abschalten, kann's nicht per Knopfdruck abschütteln
zu Hause. Mit den Gedanken bin immer noch im Geschäft. Am Sonntag,
spät nachmittags, fange ich schon wieder an, zu überlegen, was
am Montag alles getan werden muß. Ist das Programm für die LKW-Fahrten
fertig? Was mache ich, wenn ein Fahrer ausfällt? Früher hatten
wir Doppelbesatzung, aber das kann man sich heute nicht mehr leisten. Und
im Büro immer die Frage: Ist alles in Ordnung? Ist alles in die Wege
geleitet? Was mußt du morgen früh bei Arbeitsbeginn machen?
Spätnachmittags ist noch ein Abholauftrag eingegangen, also morgen
muß ich das sofort organisieren".
Termindruck
"Dazu der ständige Druck, daß die Termine
auch ja eingehalten werden. Es gibt heute mehrheitlich nur noch Termintouren,
das ist die Stärke vom LKW. Die ganze Versorgung, der ganze Frischdienst
geht doch nur, wenn die Touren termingerecht laufen. Genauso ist es bei
der Automobilindustrie. Von den Zulieferfirmen kommen
die Teile, die angeliefert werden, sofort in die Vormontage. Bei Audi und BMW wird morgens angeliefert, z.B. 10 000 Wellen, dann
wird montiert und am gleichen Tag kommen die vormontierten Teile - teilweise
mit Hubschrauber (15.0000 Euro pro Flug) oder mit Taxi
- zur Endmontage. Das Band darf ja nicht stillstehen, das wäre zu teuer".
Preisverhandlungen
"Sorgen hat man auch, wenn Änderungen im Wettbewerb
ins Haus stehen. Angenommen, beim Kunden gibts Preisprobleme, dann will
er neu die Karten mischen. Bei guten Verladern mache ich aus Wettbewerbsgründen
neue Preisverhandlungen. Das heißt: Ich muß jedesmal neu entscheiden,
wie weit ich dem Kunden entgegenkommen kann. Oft bin ich schon an der Grenze.
Oder bei Personalentscheidungen. Entlassungen kommen bei uns, gottseidank,
selten vor. Aber ich mußte kürzlich mit den Mitarbeitern neue
Löhne aushandeln. Früher gabs übertarifliche Leistungen.
Jetzt, aus Wettbewerbsgründen, geht das nicht mehr. Die bekommen nun
100 oder 200 Euro weniger. Sowas tut man nicht gern".
Verlust der Eigenständigkeit
"Die Hauptsorge ist, daß ich langfristig meine Eigenständigkeit
verliere. Das Fuhrgewerbe war immer mittelständisch, es wurden Konzessionen
(Fahrgenehmigungen für LKWs) an Einmann-Unternehmen gegeben, und so
haben wir damals mit einer Konzession angefangen. Heute haben wir 13. So
sieht eine typische Entwicklung aus. Wir haben einen eng gezogenen Kundenkreis,
feste Auftraggeber. Man war sich sicher, hatte einen treuen Kundenstamm.
Der geht nun durch die wirtschaftliche Vernetzung verloren. Lokale Anbieter
bekommen plötzlich Konkurrenz aus ganz Europa. Unsere Auftraggeber
sind Zulieferer von großen Firmen, selbst mittelständische Industrieunternehmen,
die eben an Große lieferten. Heute sieht das so aus: BMW wählt
eine Spedition aus, die für den Konzern alles macht, und alle Zulieferfirmen
sind gezwungen, das auch zu akzeptieren. Die Auftragserfassung erfolgt
zentral und vollcomputerisiert über Standleitung. Wir haben alle Angst,
daß wir sukzessive ausgegrenzt werden. Unsere früheren Auftraggeber
wollen das gar nicht, aber die müssen, es wird technisch-organisatorisch
jetzt eben so gemacht. Über Standleitungen. Ich bin dann letztlich
nur reiner Transporteur oder werde Subunternehmer, d.h. ich muß mit
meinen Autos fahren, aber für Großunternehmen. Großfirmen
können sich vieles arbeitsrechtlich gar nicht mehr erlauben. Die haben
einen Betriebsrat, und der verhindert sofort Entscheidungen, die sich gegen
die Interessen der Arbeitnehmer richten. Viele Großfirmen weichen
deshalb immer stärker auf Subunternehmer aus. Die können ja das
Risiko übernehmen. Und die müssen dann sehen,
wie sie mit der zunehmenden Verkehrsdichte, mit wachsenden Standzeiten
bei den Kunden zurechtkommen. Be- und Entladungen dauern immer länger,
weil weniger Personal da ist. Also bringen wir die Ware nicht schnell genug
an den Mann. Und dabei soll alles immer schneller abgewickelt werden. Also
jagt man die Fahrer, die Ware schneller runterzubekommen. Der Termin- und
Preisdruck - das ist das Problem." |