ACHTUNG: Dies ist das Kaleidoskop-Archiv. Besuche doch hier die neue Version!

Kaleidoskop Menü Menschen

Zur Person Albert F., Unternehmer
Sorgen mache

Mit Gedanken immer im Geschäft
"Man kann oft überhaupt nicht abschalten, kann's nicht per Knopfdruck abschütteln zu Hause. Mit den Gedanken bin ich immer noch im Geschäft. Nach Büroschluß wird das Telefon durchgeschaltet in meine Wohnung, ich muß nachts immer erreichbar sein, z.B. wenn ein Fahrer eine Panne hat. Er fragt, was er machen soll. Dann rufe ich morgens die Werkstatt an, die um sieben anfängt, leite also alles schon vor Bürobeginn in die Wege. Im Winterhalbjahr ists schlimmer (Glatteis, Schnee, Unfälle). Ab sieben muß ich von zu Hause den Kunden schon informieren, wann die Ladung kommt; auch die Firmen melden sich schon ab sieben, geben Aufträge, wollen Informationen. Das Telefon wird erst um 8 Uhr aufs Büro umgeschaltet. Man kann oft überhaupt nicht abschalten, kann's nicht per Knopfdruck abschütteln zu Hause. Mit den Gedanken bin immer noch im Geschäft. Am Sonntag, spät nachmittags, fange ich schon wieder an, zu überlegen, was am Montag alles getan werden muß. Ist das Programm für die LKW-Fahrten fertig? Was mache ich, wenn ein Fahrer ausfällt? Früher hatten wir Doppelbesatzung, aber das kann man sich heute nicht mehr leisten. Und im Büro immer die Frage: Ist alles in Ordnung? Ist alles in die Wege geleitet? Was mußt du morgen früh bei Arbeitsbeginn machen? Spätnachmittags ist noch ein Abholauftrag eingegangen, also morgen muß ich das sofort organisieren".

Termindruck
"Dazu der ständige Druck, daß die Termine auch ja eingehalten werden. Es gibt heute mehrheitlich nur noch Termintouren, das ist die Stärke vom LKW. Die ganze Versorgung, der ganze Frischdienst geht doch nur, wenn die Touren termingerecht laufen. Genauso ist es bei der Automobilindustrie. Von den Zulieferfirmen kommen die Teile, die angeliefert werden, sofort in die Vormontage. Bei Audi und BMW wird morgens angeliefert, z.B. 10 000 Wellen, dann wird montiert und am gleichen Tag kommen die vormontierten Teile - teilweise mit Hubschrauber (15.0000 Euro pro Flug) oder mit Taxi - zur Endmontage. Das Band darf ja nicht stillstehen, das wäre zu teuer".

Preisverhandlungen
"Sorgen hat man auch, wenn Änderungen im Wettbewerb ins Haus stehen. Angenommen, beim Kunden gibts Preisprobleme, dann will er neu die Karten mischen. Bei guten Verladern mache ich aus Wettbewerbsgründen neue Preisverhandlungen. Das heißt: Ich muß jedesmal neu entscheiden, wie weit ich dem Kunden entgegenkommen kann. Oft bin ich schon an der Grenze. Oder bei Personalentscheidungen. Entlassungen kommen bei uns, gottseidank, selten vor. Aber ich mußte kürzlich mit den Mitarbeitern neue Löhne aushandeln. Früher gabs übertarifliche Leistungen. Jetzt, aus Wettbewerbsgründen, geht das nicht mehr. Die bekommen nun 100 oder 200 Euro weniger. Sowas tut man nicht gern".

Verlust der Eigenständigkeit
"Die Hauptsorge ist, daß ich langfristig meine Eigenständigkeit verliere. Das Fuhrgewerbe war immer mittelständisch, es wurden Konzessionen (Fahrgenehmigungen für LKWs) an Einmann-Unternehmen gegeben, und so haben wir damals mit einer Konzession angefangen. Heute haben wir 13. So sieht eine typische Entwicklung aus. Wir haben einen eng gezogenen Kundenkreis, feste Auftraggeber. Man war sich sicher, hatte einen treuen Kundenstamm. Der geht nun durch die wirtschaftliche Vernetzung verloren. Lokale Anbieter bekommen plötzlich Konkurrenz aus ganz Europa. Unsere Auftraggeber sind Zulieferer von großen Firmen, selbst mittelständische Industrieunternehmen, die eben an Große lieferten. Heute sieht das so aus: BMW wählt eine Spedition aus, die für den Konzern alles macht, und alle Zulieferfirmen sind gezwungen, das auch zu akzeptieren. Die Auftragserfassung erfolgt zentral und vollcomputerisiert über Standleitung. Wir haben alle Angst, daß wir sukzessive ausgegrenzt werden. Unsere früheren Auftraggeber wollen das gar nicht, aber die müssen, es wird technisch-organisatorisch jetzt eben so gemacht. Über Standleitungen. Ich bin dann letztlich nur reiner Transporteur oder werde Subunternehmer, d.h. ich muß mit meinen Autos fahren, aber für Großunternehmen. Großfirmen können sich vieles arbeitsrechtlich gar nicht mehr erlauben. Die haben einen Betriebsrat, und der verhindert sofort Entscheidungen, die sich gegen die Interessen der Arbeitnehmer richten. Viele Großfirmen weichen deshalb immer stärker auf Subunternehmer aus. Die können ja das Risiko übernehmen. Und die müssen dann sehen, wie sie mit der zunehmenden Verkehrsdichte, mit wachsenden Standzeiten bei den Kunden zurechtkommen. Be- und Entladungen dauern immer länger, weil weniger Personal da ist. Also bringen wir die Ware nicht schnell genug an den Mann. Und dabei soll alles immer schneller abgewickelt werden. Also jagt man die Fahrer, die Ware schneller runterzubekommen. Der Termin- und Preisdruck - das ist das Problem."

Meine Reaktion/ Bisherige Reaktionen

  Zurück zum Menü (Albert F., Unternehmer)

© Wolfgang Hieber 1998-2009