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Bei einer amerikanischen Familie
"So kam ich auf die Idee, für ein Jahr nach Amerika zu gehen. Es
war ein befreundeter amerikanischer Kollege meines Vaters, der seinen Sohn
für ein Jahr zu uns nach Deutschland geschickt hatte. Und nun bot
sich mir die Gelegenheit, ein Jahr bei seiner Familie etwas außerhalb
von New York zu verbringen.
Dort wurde ich sofort in das Familienleben integriert. Zwei Kinder
von vier waren noch da, und die Eltern, zu denen ich von Anfang an "Mam"
und "Dad" sagte. Noch heute spreche ich sie so an, wenn ich ihnen schreibe.
Ich bin also ein richtiges Familienmitglied geworden. Die Kinder nannten
mich "unsere deutsche Schwester".
Mir ist gleich aufgefallen, wieviel Leben da in der amerikanischen
Familie war: Freunde gingen ein und aus, alles ging sehr locker zu, jeder
konnte gehen oder kommen, wann er wollte. Auch zu den Mahlzeiten. Nichts
war reglementiert. Zu Hause in Deutschland war es immer sehr streng, man
mußte pünktlich zum Essen erscheinen, Abendbrot z.B. gabs um
8 Uhr und das war oft die Zeit, wo man etwas vorhatte, ins Kino gehen oder
so. Aber wegbleiben gab's nicht, das gemeinsame Abendbrot mußte sein.
Das alles war in Amerika also ganz anders".
High School
"Nach drei Monaten ging ich mit einem meiner amerikanischen "Brüder"
auf die High School. Das fand ich, ehrlich gesagt, nicht so toll. Es war
schwer, Kontakt zu knüpfen zu Mitschülern, denn jede Stunde war
man in anderer Zusammenstellung in einer anderen Klasse. Ich fühlte
mich etwas verloren, wußte nicht wohin. Und niemand hat von mir Notiz
genommen - ich fand, es gab kein Interesse, jemanden zu integrieren. Von
Deutschland kannte ich da mehr Zusammengehörigkeit.
Es lag natürlich auch an der Größe der High School.
Aber auch daran, daß ich ja wußte, ich bleibe nur 3 Monate
und dann bin ich wieder weg. Meine Motivation war nicht sonderlich groß.
Mußte auch an keiner Prüfung teilnehmen - eben eine Gastschülerin.
Ich merkte auch, wie ich von Deutschland her mich gegen alles, was
mit Konventionen und Vorschriften zu tun hatte, sehr wehrte. Und da sah
ich manche Widersprüche: Jeder hatte z.B. völlige Freiheit, wie
er sich den Stundenplan zusammenstellte, gleichzeitig gab es Kleidungsvorschriften
oder Benimm-Regeln, etwa daß die Mädchen auch im strengen Winter
keine Hosen tragen durften. Und wer es trotzdem tat, mußte einen
Rock drüberziehen. Da war ich wirklich geschockt".
In New York
"Im zweiten Halbjahr arbeitete ich dann in der New Yorker Firma meines
"Daddy". Eine prima Zeit. Am Morgen fuhr ich mit "Dad" im Zug nach New
York rein. Jetzt war ich plötzlich mitten im Stadtleben, ich kam raus,
und erlebte New York. Dazu war ich noch integriert in den Arbeitsalltag,
konnte in der Firma viele Leute kennenlernen. Einmal hat mich eine Freundin
aus Deutschland besucht, ich hab ihr die Stadt gezeigt.
Wir waren ganz schön verwegen damals und haben uns alles Mögliche
reingezogen. Wir sind sogar allein abends durch Harlem gebummelt. "Mam"
und "Dad" ließen mir die Freiheit. Auch ein Freund kam zu Besuch,
"Dad" hat uns ein altes Auto gekauft und ich bin mit meinem Freund zusammen
bis zur mexikanischen Grenze gefahren".
Meine Eindrücke von Amerika
"Das Jahr war schön, aber ich wußte, daß
ich in Amerika nicht auf Dauer leben wollte. Zwar gab's viel Freiheit,
aber auch Einsamkeit und Oberflächlichkeit in den Beziehungen zwischen
den Menschen. Dieses "come and see me", aber wehe man nimmt sie beim Wort
und tut es wirklich! Allerdings muß ich auch sagen, ich habe damals
vieles sehr unbewußt und "wie durch einen Vorhang" wahrgenommen.
Nach 20 Jahren, als ich wieder zu Besuch drüben war, hatte ich das
Gefühl, nun die Stadt erst bewußt zu erleben. Oder eben mit
anderen, erwachsenen Augen. Da merkte ich auch, wie sehr ich, als ich mit
20 ein Jahr drüben lebte, auf mich selbst konzentriert war. Und daß
ich unter Freiheit auch verstand, sich von Bindungen und festen Beziehungen
frei zu halten. Folglich fühlt man sich auch allein".
Au-pair in Paris
"Nach einem Jahr ging's wieder zurück nach Deutschland. Ich habe
dann in Heidelberg meine Studium zu Ende gemacht und mit dem Übersetzerexamen
abgeschlossen. Nach dem ersten Übersetzerexamen hab' ich dann mit Französisch
weitergemacht und bin für 4 Monate nach Paris gegangen. Mein Vater
wollte das damals nicht. Ich bin aber trotzdem gegangen, mußte mir
aber jeden Franc selber verdienen, als Au-Pair und durch Putzen bei einer
Familie. Das war echt hart, und ich hatte manchmal nur Geld für ein
Baguette und einen Käse am Tag. Es war fast unmöglich, irgendwie
Kontakt zu Franzosen zu bekommen. Die Pariser leben regelrecht abgeschottet
unter sich. Die allermeisten Leute, mit denen ich rumgezogen bin, waren
Ausländer – total nett, aber ich hab' eben fast nur englisch gesprochen.
Nach den 4 Monaten hatte ich die Nase voll und bin zurückgegangen
nach Heidelberg, um mein französisches Übersetzerexamen zu machen."
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