Die Tourismuswelle
- Von dem Städtischen Omnibusbetrieb bekam ich schließlich
das Angebot, im Reisedienst zu arbeiten. Das Reisen fing damals verstärkt
an: Es gehörte zum Prestige, eine weitere Reise gemacht zu haben.
In irgendein anderes Land, meist in Europa. Dazu gehörten Sardinien,
Korsika, Elba, Tunesien. Später kamen die Ostblock-Staaten dazu: Polen,
Rußland. Und ich brachte die Reisegruppen mit dem Bus dorthin.
Auf Paris-Fahrt
- Nehmen wir als Beispiel eine Fahrt nach Paris. Wir gingen meist in
die besten Hotels, denn das hatte auch den Vorteil, daß die Leute
an der Rezeption auch Deutsch sprachen. Ich mußte dann die Zimmer
an die Reiseteilnehmer verteilen. Später sind wir auch, durch den
Preiskampf gezwungen, in billigeren Häusern abgestiegen. Da konnte
niemand mehr Deutsch. Ein großer Unterschied war immer zwischen einem
Betriebsausflug und ausgeschriebenen Fahrten. Bei Betriebsausflügen
kannte jeder jeden. Da war gleich Stimmung da. Bei den anderen mußten
sich die Leute erst kennenlernen. Als Fahrer hat man die Aufgabe, diese
Stimmung erst zu schaffen. Man bekommt da ja alle Typen zusammengewürfelt.
Das ist nicht einfach. Das Schlimmste war, wenn du eine ausgeschriebene
Fahrt hattest mit drei verschiedenen Gruppen: Die erste will landschaftlich
schöne Plätze sehen, die zweite - der Pfarrer mit 8 Frauen (ehrenamtliche
Mitarbeiterinnen) - will Kirchen besichtigen, und dann dazu noch 15 Mann
Kegelclub, die nur trinken wollen. Die drei kann man nicht unter einen
Hut kriegen.
Immer was zu meckern
- Wenn die Dusche nicht so recht funktionierte, gings gleich los. Ich
war ja immer die Anlaufstation. Alle kommen zum Busfahrer mit ihren Beschwerden
und Bitten und Fragen. Zum Beispiel kannten sie die Bidets nicht: "Da geht
ja nichts durch", sagten sie. Oder in Rom: Wir kamen in Zimmer, wo vorher
Koreaner ihr Essen gemacht haben. Wie die ihre Zimmer hinterlassen haben!
"Wir wollen nach Hause", schimpften manche, "Ich habe die Reise meiner
Frau zur Silberhochzeit geschenkt und jetzt das!" Nur weil das Zimmer nicht
aufgeräumt war. So eine Städtereise kann man eben nicht mit einer
Urlaubsreise in den Schwarzwald vergleichen. Du bist eben in einem anderen
Land.
Früher sind wir 400 km oder 600 km Landstraßen gefahren
und saßen dazu noch auf Holzbänken. Alle waren bester Stimmung,
haben gesungen. Heute sitzen sie bequem wie im Flugzeug, mit Toilette,
auf verstellbaren Schlafsesseln, mit Klimaanlage. Und trotzdem wird nur
gemeckert. "Bitte die Klimaanlage aus!", "Die Klimaanlage an!". "Der Sitz
ist nicht gut". Immer sind sie Leute unzufrieden. Im Prospekt stand: "Zimmer
mit Balkon". Jeder Balkon aber ist verschieden, manche sind sehr klein.
Im Prospekt stand auch: "Swimmingpool im Hotel" - "Ja, aber der ist gerade
so groß, daß ein Goldfisch drin schwimmen kann.
Beschwerdebriefe
- Ich habe mal einen Beschwerdebrief gelesen, darin stand: "Unsere Urlaubsreise
fing an, als uns der Fahrer mit den Koffern absetzte und davonbrauste".
Dann kam die Aufzählung der Beschwerden: "Die anderen haben drei Brötchen
bekommen, wir nur zwei". Und solche Kleinigkeiten. Und mit der Zimmerverteilung
waren sie nicht einverstanden: "Nein, ich schlafe schon lange nicht mehr
mit meinem Partner zusammen, ich habe das im Büro gesagt". Manche
meinten oft gleich: "Nein, hier bleiben wir nicht!" Und ich mußte
immer beschwichtigen: "Seien Sie doch vernünftig, schlafen Sie erst
mal drüber!", sagte ich. Meist hat sich das dann gegeben. Aber zuerst
wird erst mal geschimpft. Diese Haltung hat sich verstärkt. Bei älteren
Leuten gibt es weniger Schwierigkeiten, am schlimmsten ist der mittlere
Jahrgang. Die schreien da hinten "Musik!". Der eine will noch den Heintje
hören, der andere Pop-Musik und der dritte mag Opern. Am besten also
gar keine Musik. Jetzt wollen die Leute oft auch lieber ihre Ruhe.
Wer hört dem Reiseführer zu?
- Schön wars, wenn die Leute zugehört haben. Oft waren auch
wirklich gebildete Leute dabei. Auch Studenten haben Reiseführung
gemacht, sie haben Postkarten verkauft und sich so etwas dazuverdient.
Manche haben zuviel von Geschichte erzählt, da hat dann niemand mehr
zugehört. Viele wollten ja nur zu Hause erzählen können,
daß sie in Paris waren. "Was? Versaille haben Sie nicht gesehen!?"
Die Frauen waren meist viel interessierter an den Fahrten. Die Männer
dagegen meinten: "Ich tu es meiner Frau zuliebe. Die kommt nie raus. Mir
bringt die Busfahrt nichts.
Viel für wenig Geld
- Entscheidend für die Stimmung war immer das Wetter. War das Wetter
schön, kamen sie morgens schon mit einer ganz anderen Begrüßung
an. Wenn die Hotels und der Ablauf der Fahrt stimmt, war es o.k. Die Leute
wollen heute für wenig Geld, z.B. 200 Euro Türkei plus
Halbpension. Das geht nicht in Paris oder Italien. 10 Tage für 100 Euro nach Spanien, ja. Sie machen solche Angebote, weil es besser so ist,
als die Hotels über Winter zu schließen. Da geht mehr kaputt.
Besser ist es, sie billig an Touristen abzugeben. Und die lassen dann schon
zusätzlich noch Geld da. So sieht die Rechnung aus.
Der Fahrtenschreiber
- Die Fahrzeiten sind zur Zeit 48 Stunden die Woche. Man darf zweimal
die Woche 10 Stunden fahren, muß aber nach 4 Stunden Fahrt eine halbe
Stunde Pause einlegen. Sonst sind nur 8 Stunden am Tag erlaubt. Die Nachtruhe
muß 10 Stunden betragen. Der Fahrtenschreiber schreibt die Geschwindigkeit
auf. Mit dem Bus darf man nicht schneller als 100 km pro Stunde fahren,
auf Landstraßen nur 80 km/h. Die neuen Busse haben alle einen Tempomat,
d.h. man kann aufs Gas treten wie man will, er fährt nicht schneller
als 100. Der Fahrtenschreiber notiert auch alle Pausen und die Nachtruhe.
Er wird jeden Tag neu reingelegt. Mindestens alle 7 Tage müssen die
Tachoscheiben beim Betrieb abgegeben werden. Dort werden sie aufgehoben,
die Firma bewahrt sie mehrere Jahre auf.
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