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Zur Person  Manfred J., Rentner
Auf dem Bauernhof
(1945-48)

In Kulmbach

In Kulmbach wurden wir auf verschiedene Stellen aufgeteilt. Das Hauptproblem war die Unterbringung. Meine Mutter bekam 10 Euro Unterstützung und Lebensmittelkarten. Im Vergleich dazu: Eine Schachtel Zigaretten auf dem Schwarzmarkt kostete 100 Euro. Ich mit meiner Mutter, der Schwester und dem Bruder zusammen auf einem Zimmer. Bei einem Bauern, ohne eigene Kochmöglichkeit. Wir haben unten bei der Familie gekocht. Da war sonst nichts da. Und weil sie am Hof Hilfe brauchten - es war Sommer -, habe ich dort gearbeitet und auch meine Landwirtschaftslehre gemacht. Wir haben also unseren Unterhalt praktisch verdient. Der Vorteil in diesen harten Nachkriegsjahren war: Auf einem Bauernhof hatten wir immer irgendwelche Lebensmittel. Und im Nachhinein muß ich sagen: Es war eigentlich eine schöne Zeit. Die berühmte Pferdekiste,  da spielte sich das ganze Liebesleben ab. Mein Bruder ging zur Oberschule nach Kulmbach. Das System lief ja weiter, die Schule hatte zu keinem Zeitpunkt völlig geschlossen. Meine vier Jahre ältere Schwester machte eine Lehrer-Ausbildung, und da hat sie ihren späteren Mann kennengelernt. Zum Tanzen sind wir 4 und 5 Kilometer zu Fuß gegangen. Wie der Nachhauseweg war, vergißt man nicht so leicht. Der Nachhauseweg, wenn man sein Mädchen heimbegleitet hat.
In Geismar/Göttingen auf dem Hof eines Onkels
Ich bin 1947 nach Göttingen zu meinem anderen Onkel. Er hatte dort in einen Bauernhof eingeheiratet. "Komm doch zu mir", hat er gesagt. Auch mit dem Hintergedanken: Ich brauche wieder eine billige Arbeitskraft. Mein Entschluß war: Ich wollte in der Landwirtschaft bleiben, und Göttingen war eben größer. Also bin ich zu meinem Onkel und habe dort bis nach der Währungsunion (1948) gearbeitet.
Ja, und wieder zum Tanzen gegangen. Schöne Erinnerungen. Aber diese Zeit war schon wieder anders: die Zeit des kleinen Aufbaus. Damals habe ich so 10 Euro verdient. Da kriegte man ein Paar Schuhe dafür. Ich hatte volle Verpflegung, konnte in der Familie mitessen. Es war eine große Umstellung: Wenn mein Onkel Wut hatte, hat er das an dir ausgelassen. Abends habe ich bis spät gearbeitet, in Zuckerrübenfeldern, den Wagen abladen. Und morgens schon wieder an die Schule zur landwirtschaftlichen Weiterbildung. Kein Sonntag, nichts.

Sonntag morgen wurden die Pferde gründlich geputzt. Das war auch schön, man kam mit anderen Bauern zusammen, hat Karten gespielt. Der Hof war immer der Mittelpunkt. Wer mit Pferden gearbeitet hat, war in der Rangordnung höher als die, die im Kuhstall gearbeitet haben. So war es eben.
Richtig Freizeit gab es eigentlich nicht. Aber zwischendurch schon Ruhepausen. Wir sind mit Pferden aufs Feld rausgefahren. Oder du triffst einen Nachbarjungen und da hat man eben zusammen 10 Minuten oder eine halbe Stunde gequatscht. Danach habe ich heute wieder Sehnsucht. Du warst frei wie ein König. Diese Freiheit habe ich im späteren Berufsleben nie mehr erlebt. Du warst zufrieden, bist rausgefahren mit den Pferden aufs Feld, niemand hinter dir, der dich getrieben hat. Und du warst stolz, was du geschafft hast. Auf dem Getreidefeld oder beim Pflügen. Und den ganzen Tag in der freien Natur. Heute ist alles maschinell geworden. Was hat das noch mit Landwirtschaft zu tun?

Andererseits: Das alles möchte man nicht nochmals erleben. Es war auch eine harte Zeit. Ende 1948 habe ich bei meinem Onkel aufgehört. Es gab Ärger wegen der Bezahlung. Und dann kam die Währungsreform.

Meine Fragen an Manfred J./ Meine Lebensstationen 

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© Wolfgang Hieber 1998-2009