Landjahr
- Mit 14, es war von 1944 bis Januar 1945, schickte man mich ins Landjahr.
Wie alle Schulabgänger in dieser Zeit. Wir mußten morgens um
6 Uhr aufstehen, zum Frühsport. Untergebracht waren wir in einem alten
umgebauten Schloß. Von Hitler, dem großen "Führer", war
die Rede, dazu hatten wir Ausbildung im Schießen. Wie bei den Soldaten.
Manchmal wurden wir um 1 Uhr nachts rausgejagt, zum Nachtmarsch. Ich erinnere
mich noch an die Lagerfeuer draußen, und an die Volkstänze.
Wir waren in einer Gruppe von etwa 80 Leuten. Alle 14, so jung wie ich.
Und weit weg von den Eltern. Das war ein entscheidender Einschnitt in meinem
Leben. Mein Vater wurde schon 1939 eingezogen. Zum Weihnachtsurlaub hätte
ich nach Hause gehen können, aber es ging nicht, weil die Russen im
Vormarsch waren.
Auf der Flucht
- 1945 mußte ich weg aus dem Landjahr-Lager und zurück zu
meinem Heimatort Friedland/Oberschlesien. Überall hieß es: "die
Russen kommen". Das Feindbild war klar. Also weg. Unser Ziel war: Erst
zu Verwandten gehen, die in der Nähe von Bunzlau (Nähe Görlitz)
wohnten. Die waren schon darauf vorbereitet. Wir haben uns dazu entschlossen
in der Hoffnung, nach einiger Zeit wieder zurückzukönnen. Jeder
von uns hat nur das Notwendigste mitgenommen. Wir sind einzeln gefahren,
nicht im Treck. Am 25. Januar 1945 ging es los, mit Pferd und Wagen und
10 Familienmitgliedern. Ein Pole als Kutscher. So haben wir unsere Heimat
verlassen. Nach 8 Tagen trafen wir in Bunzlau ein. Doch die Russen rückten
auch hierher vor. Also weiter. Durch Sachsen hindurch nach Bayern.
Kampf ums Überleben
- Es ging auf der Flucht ums Überleben: Kriegt man zu Essen? Wo
kommt man abends unter? Halten die Pferde durch? Nachts auf der Flucht
unterzukommen, war schwierig. Wir drei Jungen haben draußen im Ackerwagen
übernachtet, in einem richtigen Kastenwagen, seitlich die Bretter.
Als erstes versuchten wir immer, bei einem Bauern Unterkunft zu finden.
Meist waren die Leute nicht so freundlich. Sie wußten noch nicht,
daß sie selbst ein oder zwei Wochen später auch vertrieben würden.
Und jeden Tag auf der Suche nach Eßbarem. Wir waren drauf angewiesen,
von irgend jemandem Essen zu bekommen, obwohl wir auch viel Essen auf die
Flucht mitgenommen hatten. Eingekochtes Fleisch zum Beispiel. Manchmal
haben wir uns auch bei der Stadtverwaltung gemeldet, oder bei Auffanglagern.
Läuseplage
- Gleich in der ersten Nacht hatten uns die Läuse erwischt. Durchs
Kratzen bekommt man eine Art Krätze, man konnte sich auch nicht mehr
richtig waschen. Wenn wir abends mal ein Zimmer hatten, sehe ich noch meine
Tante, die nahm die Läuse aus den Nähten und hat sie am Topf
kaputtgedrückt. Die Stimmung war entsprechend gespannt. Meine Tante
war eine couragierte Frau, sie hat den Kutscher, wenn er nicht mehr wollte,
wieder an die Kandare genommen. Wir brauchten ja einen Mann.
Wagen ohne Bremsen
- Bei 20 Grad Kälte sind wir weggefahren. An unserem Wagen gab es
keine Bremsen. Nach Sachsen rüber, wenn es bergab ging, mußten
wir zwischen die Speichen einen Knüppel reinschlagen. Trotzdem war
es für die Pferde noch schwierig, das Gefährt zu halten.
Der Bombennacht entkommen
- Geplant war, in Dresden zu übernachten. Genau in der Bombennacht.
Aber es war so überfüllt, mit all den Flüchtlingen. Normalerweise
eine ganz sichere Stadt, so hieß es, ohne wichtige Industrie. Wir
waren etwa 30 Kilometer außerhalb, sind nicht rein, weil es so voll
war. Dann haben wir die Bombennacht gesehen: der Himmel voll erleuchtet.
Was da alles von den Flugzeugen runterkam! Je weiter wir uns Bayern näherten,
plagten uns die Tiefflieger. Die kamen runter und jagten die Gewehrsalven
in die Ortschaften rein. Manchmal direkt auf die Leute. Alles niedergemäht.
Ankunft in Bayern
- So sind wir schließlich in Kulmbach gelandet.
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